
Baumumarmer
Die Tür hinter Danielle knallte zu. Es klang nicht wie ein Pistolenschuss, eher wie ein Jagdgewehr, dessen Wucht die gutturalen Laute ihres brüllenden Vaters nicht ganz übertönen konnte. Irgendetwas mit Enttäuschungen, was zutiefst ironisch war. Danielle zog den Kragen ihres Mantels hoch, um sich vor der steifen Herbstbrise zu schützen, und schritt die leere Seitenstraße entlang, die weg von der Zivilisation, von den Menschen, von ihrer Familie führte. In den letzten Wochen waren die satten Grüntöne und die üppigen, prahlerischen Rot-, Rosa- und Blautöne ehrlicheren Braun-, Orange- und Grautönen gewichen. Jede dieser Farben wurde durch das sanfte Licht der untergehenden Sonne auf Danielles Rücken verstärkt und hervorgehoben. All diese Farben fanden sich in den nassen Blättern wieder, über die ihre Füße sie trugen, sobald sie das Dorf hinter sich gelassen hatte. In Gedanken versunken, wanderte sie den Pfad im alten Wald entlang, als sie einen kleinen Weg entdeckte, der von dem zertretenen Weg wegführte, den die Menschen für ihren Komfort in den lebendigen Wald gegraben hatten.
"Hey, du bist neu hier", flüsterte Danielle.
„Ich bin alt“, antwortete eine Stimme.
Überrascht von dem unerwarteten Flüstern, wich Danielle einige Schritte zurück und wirbelte herum. Doch außer ihr war niemand auf dem Weg. Innerhalb weniger Sekunden siegte die Neugier über die Besorgnis, und Danielle verließ ihren gewohnten Pfad, wobei sie spielerisch Zweige und Dornen beiseite schob und sich daran kratzte. Sie folgte dem Pfad mühelos, obwohl sie nie wusste, wohin er führte, bis sie sich schließlich zum nächsten Schritt entschloss. Nach wenigen Minuten – länger konnte es unmöglich gewesen sein, und doch war der Wald um sie herum stockdunkel geworden – betrat Danielle eine Lichtung, die sich nur dann aufzutun schien, wenn sie genug gelaufen war. Die Luft auf der Lichtung war still. Nichts von den Geräuschen, die Danielle zuvor geleitet hatten – der Wind in den Bäumen, ihre Schritte im Laub, das Rascheln der Tiere im nahen Geäst – alles war verstummt, in Ehrfurcht vor der einzelnen Ulme, von der die Lichtung auszugehen schien.
"Ich kenne dich", flüsterte Danielle.
Sie ging näher an die Königin des Waldes, die königliche Ulme, heran und fand sofort den Ort, nach dem sie unbewusst gesucht hatte. Dann schloss Danielle die Augen, strich mit den Händen über die samtweiche Rinde des Baumes, schmiegte sich an den festen, ewig wirkenden Stamm der Ulme und umarmte sie, während Tränen über ihre Wangen und in ihr dunkles Haar rannen. Mit geschlossenen Augen sah Danielle sich selbst auf der Lichtung stehen und die Königin des Waldes umarmen. Doch die Farben waren anders. Ein Blitz zuckte auf, und Schnee umgab sie, bedeckte die Lichtung wie Puder. Dann war sie eine ganz andere Frau, die im Sommer, dann im Frühling und schließlich wieder im Herbst vor der Ulme stand und sie umarmte, und Danielle war wieder ganz die Alte. Plötzlich knallte die Tür hinter Danielle zu. Zum Glück hatte ihr Vater aufgehört zu schreien. Danielle zog den Kragen hoch gegen die kalte Herbstbrise und ging vom Haus weg auf den Schotterweg.
„Es tut mir leid, Liebling. Bitte komm herein, lass uns darüber reden. Ich bin sicher, wir finden eine Lösung.“
Danielles Vater stand an der Tür, noch immer in seinem ölgetränkten blauen Overall.
„Willst du mir zuhören?“, fragte Danielle und zog die Augenbrauen hoch.
"Ja, Schatz. Es tut mir leid. Es war wieder so ein beschissener Tag. Komm schon, die Pizza ist im Ofen."
„Du kannst mir von der Arbeit erzählen“, sagte Danielle und öffnete ihren Mantel wieder. Sie ging an ihrem Vater vorbei, drückte ihm leicht die Hand und war froh, dass sie bei diesem Wetter doch nicht raus musste.
